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nach dem Roman von Sten Nadolny

Poetische und musikalische Abstraktion
entdeckt die Langsamkeit
im Bremer Theater am Goetheplatz

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Wenn in einem Musiktheater ein musikalisches Intro, ruhig und zum Bühnenbild exzellent passend, erklingt und eine dramatische, gar eine depressive Stimmung erzeugt, ein in einem hellen Rot gehaltener Hintergrund einen ruhigen Schauplatz früherer Kindheit suggeriert und eine Anreihung diffuser Töne die Bühne in einen Hafenkai mit hochschlagenden Wellen und aufkommendem Sturm verwandelt, muß es sich fast zwangsläufig um eine sehr abstrakte Inszenierung, die der "Entdeckung der Langsamkeit" nach dem Roman von Sten Nadolny, handeln.
John Franklin (Ron Peo) war zehn Jahre alt. Mitspielen durfte er nicht, weil er keinen Ball fangen konnte. Für die anderen Kinder hielt er nur die Schnur.
Die erste der fünf Szenen entspricht dem Roman von Sten Nadolny in sehr gekürzter Form und stellt das Praeludium in zwei Tempi, das Vorspiel in  zwei Geschwindigkeiten, dar, den Wechsel der

melancholische Stimmung Johns ob seiner Behinderung mit dramatischen Orchester- und Chorklängen zum Aufbegehren Johns gegen die anderen Kinder, gegen Tom, den er mit blutender Nase und angeschlagenem Milchzahn verfolgte, interpretiert mit lauter, abstrakter Musik. John kannte sich auf Friedhöfen aus, er liebte das Lesen. Sein Onkel war Seefahrer, und er fand den nördlichsten Teil der Erde.
Die zweite Szene, die Etüde, ist ein Sammelsurium von Versuchen, aber auch, um lernen zu wollen. John will seinen Mangel in Qualität ummünzen. Wir müssen sein Scheitern erleben. Er will ein Mann sein, Kriege führen. Im Stellungskrieg der Dänen und Briten in Kopenhagen im Jahre 1801 sucht er seinen eigenen Weg, sein Tempo, sein Denken. Er wird aktiv und tötet einen Dänen.
Der dritte Teil des Stücks nennt sich "Ricercare" (lat. suchen). John sticht, von fünf niederländischen Soldaten

unterstützt, in See. Der stumme Indianer, einer der fünf Personen, gibt sich als der Klügste und meint, Essen sei wichtiger als Wissen.
Das perpetuum mobile, die vierte Szene, stellt ein Spiegelbild der zweiten dar. Das Kollektiv, das Wir, überdeckt das Ich, so daß der Mensch John als Einzelner in diesem Kollektiv untergeht. Während einer Reise zum Nordpolarmeer schafft der Hunger eine Art Langsamkeit, eine Trägheit, in der seine Mannen, die Besatzung des Schiffes, selbst bei einfachen Schritten Fehler machen. Johns Gedächtnis wurde schwächer, seine zügellose Phantasie indes stärker. Er denkt, Mary Rose, die Hure aus Portsmouth, die ihn, John, in die Sexualität einführte, sei im Armenhaus untergegangen.
Auf seiner letzten Reise, molto lento, kommt John, bei dem Versuch, die Nordwest-Passage zu finden, um. Das Ende ist Erstarrung, Vereisung, Vereinsamung. Die Zeit steht still.
                          Mario Meyer

Das Bremer Theater vergab "Die Entdeckung der Langsamkeit" als Auftragswerk an Giorgio Battistelli, einem italienischen Komponisten. Die Aspekte, die ihn gerade an diesem Roman von Sten Nadolny interessiert haben, sind vielfältig: einen philosophischen Aspekt und einen der Zeit, "da es in der heutigen Zeit eines der Hauptprobleme der Musik und der Oper sei, die dramaturgische Zeit des Erzählens mit der musikalischen Zeit in ein Verhältnis zu setzen" (Battistelli). Zu Beginn der siebziger Jahre sei es "nahezu unmöglich gewesen, von Narration in der Musik zu sprechen" (Battistelli). In diesem Werk erkannte er eine Struktur, die er herauszuarbeiten begann. Es besteht aus fünf verschiedenen Bildern,

unterbrochen von kleinen musikalischen Intermezzi. 
Die Umsetzung der Vorlage des Romans ist allerdings nicht bis ins kleinste Detail nachvollziehbar, wobei die Abstraktion eine nicht minder wichtige Rolle spielt. Herauszuheben ist besonders Ron Peo, der den John Franklin spielt. Diese schwierige Rolle ist ihm wie auf den Leib geschneidert, mit der Langsamkeit und der Trägheit kann er umgehen, als sei er wirklich John Franklin. Ausdrucksstark. Die anderen Darsteller des Abends sind wohl weder besonders zu kritisieren noch zu loben, da das Hauptaugenmerk auf Ron Peo gerichtet war. Aus Nadolnys Vorlage, die im Grunde genommen nur im ersten Teil in sehr gekürzter Form ihren Ausdruck findet, hätte mehr Nutzen gezogen werden können und müssen. Ganz stark an diesem Abend
der Männerchor, der teilweise im Hinter- bzw. aus dem Untergrund agiert. Es ist eine Oper, eher ein Musiktheater, ohne Frauen, obwohl diese ständig präsent erscheinen.
John Franklins Sehnsucht nach einer Frau, jener Mary Rose, der Hure aus Portsmouth.
Das Publikum teilte sich in zwei Lager, die Freunde der Abstraktion und die Skeptiker, so daß auch der Beifall für eine mäßige Aufführung recht dürftig ausfiel. Die Verliebtheit in die Langsamkeit wird nur verhalten angenommen. John Franklin suggeriert die Sehnsucht nach dem Tod, das Langsame, die Einsamkeit. Und damit konnten sich beileibe nicht alle Zuschauer identifizieren, wonach das Fazit nur lauten kann: Freunde abstrakter Kunst werden ihre Freude haben, die anderen sollten eine andere Vorstellung besuchen.
John Franklin Ron Peo
Hood Caspar Fawden
Back Andres Reblin
Richardson Loren Christopher Lang
Michel Mateng Pollkläsener
Erzähler Burghart Klaußner
Musikalische Leitung Gabriel Feltz
Inszenierung Frank Hoffmann
Libretto Michael Klügl